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  • Wenn Nähe als Schwäche galt

    Wenn Nähe als Schwäche galt

    Vom Schreien lassen zum Nie-Neinsagen – warum das Gegenteil von falsch nicht automatisch richtig ist

    Aussage einer Bekannten: „Meine Mutter ließ mich als Baby schreien, bis es still wurde. Nicht aus Kälte – mit absoluter Überzeugung, dass genau das mich stark machen würde.“

    Diese Erziehungshaltung stammt aus einem weit verbreiteten Buch von 1934 von Johanna Haarer. Drei Generationen lang galt es als DIE Erziehungswahrheit: 1,2 Millionen verkaufte Exemplare, letzte Auflage noch 1987. Die Botschaft war einfach: Nähe macht schwach. Distanz macht stark. Ich habe mal fünf Prägungen rausgefiltert, die bis heute spürbar sind – auch bei Menschen, die das Buch nie gesehen haben:

    • Nähe als Risiko statt als Grundbedürfnis
    • Kein Zorn, kein Nachgeben, dafür ständige Kontrolle – der Raum für echtes Gefühl fehlte
    • Erschöpfung, die nicht sein durfte – die Mutter musste einfach funktionieren
    • Erzwungene Selbständigkeit – auch wenn das Kind noch gar nicht so weit war
    • Das Bild der „richtigen Mutter“ – nie überfordert, nie zweifelnd


    Wenn du dich nun fragst, was das bei den Kindern auslöste, ist es folgendes:
    Sie lernten, dass niemand zuverlässig auf ihre Bedürfnisse reagiert. Und wer selbst nie verlässliche Nähe erlebt hat, tut sich schwer, sie weiterzugeben. Jedoch nicht aus Lieblosigkeit. Doch es ist fast unmöglich etwas vorzuleben, das man selbst nicht kennt und nie erlebt hat.

    Wenn das Pendel zurückschlägt

    Und jetzt kommt der Teil, den viele nicht so gerne hören: Nur weil man das Baby nicht mehr schreien lässt, heißt das noch lange nicht, dass automatisch alles gut wird.

    Wer selbst erlebte, dass niemand kam, wenn man als Baby geschrien hat (das Unterbewusstsein speichert und erinnert sich an alles), springt heute oft bei jedem kleinen Wimmern sofort dazwischen.
    Nicht unbedingt, weil das Kind es gerade wirklich braucht – sondern weil die eigene alte Angst sofort hochkommt. Das Kind bekommt Nähe, klar. Aber es lernt so nie, mal kurz mit einem kleinen Frust selbst zurechtzukommen. Das gilt auch für später, wenn das Kind älter ist.

    Wer als Kind ständig kontrolliert wurde, traut sich heute oft gar nicht eine klare Grenze zu setzen – aus Angst, genauso streng zu wirken wie die eigenen Eltern. Das Kind bekommt Freiheit. Aber weder Halt noch Sicherheit.

    Wer von seinen Eltern vorgelebt bekam, dass Erschöpfung nicht sein durfte, spricht heute manchmal zu offen über die eigene Erschöpfung – ungefiltert, vor dem Kind. Verständlich, nach so viel Schweigen. Nur erlebt sich das Kind dann als eine Ursache dieser Erschöpfung und trägt plötzlich die Last der Eltern. Nicht umgekehrt.

    Wer zu früh allein klarkommen musste, nimmt dem eigenen Kind heute oft alles ab. Aus Angst, es könnte sich ungeliebt fühlen. Das Kind lernt dabei etwas anderes, aber mindestens genauso Schwieriges: Ich schaffe nichts alleine.

    Und wer unter dem Bild der „perfekten Mutter“ gelitten hat, entwickelt heute oft einen neuen Perfektionsanspruch. Nur mit anderem Namen: bindungsorientiert sein, achtsam sein, alles richtig machen.
    Das sind gute und richtige Ansätze – die Frage ist allerdings: Wird es aus ruhiger und klarer Überzeugung so gemacht, oder regiert im Hintergrund der erlernte Druck von früher?

    Der Unterschied liegt also nicht darin, ob eine Reaktion hart oder weich ist. Er liegt darin, woher die Reaktion kommt.

    Ein Kind sofort in den Arm zu nehmen kann echte, sichere Nähe sein. Es kann aber auch die eigene Angst sein, genauso hart zu wirken wie die eigene Mutter. Von außen sieht beides gleich aus. Für das Kind nicht – Kinder spüren sehr genau, ob eine Reaktion aus echter Präsenz kommt oder aus einem Reflex.

    Die eigentliche Arbeit liegt nicht am Verhalten

    Das andere Extrem zu wählen, fühlt sich nach Veränderung an. Ist es aber oft nicht.

    Beide Extreme kommen aus derselben Quelle: einem alten Muster, das man selbst nie angeschaut hat. Und solange man es nicht anschaut, steuert es einen weiter – man denkt nur, man hätte selbst entschieden.

    Die gesunde Mitte zwischen „standhaft bleiben“ und „immer nachgeben“ findet man nicht mit der richtigen Technik. Sondern, wenn man die eigene Reaktion erkennt, bevor sie einfach passiert. Dann kann man sich bewusst für eine neue Art zu handeln entscheiden. Veränderung geschieht dann, wenn weder automatisch wiederholt noch automatisch das Gegenteil der eigenen Erfahrung gemacht wird.

    Und genau da fängt die eigentliche Arbeit an. Nicht beim Kind. Auch nicht nur beim eigenen Verhalten. Sondern bei dem Muster dahinter.

  • Ein Blick in meinen Mentaltraineralltag

    Ein Blick in meinen Mentaltraineralltag

    Manchmal sitze ich einer Mama gegenüber und denke: Das hier ist so viel mehr als nur ein Gespräch über das Kind.

    Heute war so ein Tag.

    Der Sohn empfindet die Schule gerade als „zu viel“. Er schläft schlecht ein, hat das Gefühl, sich nichts merken zu können, braucht viel Zuspruch und Bestätigung – und kann einfach nicht loslassen. Nicht die Gedanken. Nicht die Sorgen. Nicht die Mama.

    Die Mama ist am Limit. Sie trägt für alles und jeden die Verantwortung, kann kaum um Hilfe bitten, fühlt sich innerlich leer. Ohne es zu wollen, erwartet sie gute Leistung vom Kind – und versteht gleichzeitig nicht, warum es sich so schwer tut. Es geht ihr gar nicht mal so sehr um die Noten, eher um seine Sicherheit. Auch sie kann nicht loslassen. Das Kind, die Sorgen, die Verantwortung. Unbewusst überträgt sie ihre eigenen Kindheitserfahrungen und -wunden auf ihren Sohn.

    Und dann gibt es da noch das Mädchen, das sie einmal war.

    Dieses Kind hat früh gelernt: Geliebt wird, wer funktioniert. Wer brav ist. Wer genug leistet. Also suchte es sich verständlicherweise Situationen, in denen es glänzen konnte – manchmal bis zur Überforderung. Und es bekam, was es sich wünschte: Aufmerksamkeit, Anerkennung, das Gefühl, dazuzugehören.

    Heute ist ihr das nicht mehr bewusst. Aber unbewusst setzt sie genau dieses Muster fort – und ihr Sohn spürt den Druck, ohne zu verstehen, woher er kommt.

    Was steckt tief dahinter? Der alte Zweifel der Mama, ob sie gut genug ist. Das seltsame Gefühl, ob sie ihren Platz in der Welt wirklich verdient. Das Schuldgefühl, wenn andere nicht erfolgreich sind – vor allem ihr Kind. Die Angst, nicht gebraucht zu werden. Das Nicht-loslassen-Können. Das Nicht-vertrauen-Können.

    Also reißt sie die Verantwortung an sich. Hat den inneren Drang, für alles zuständig zu sein – Schulnoten, Freundschaften, das Wohlbefinden ihres Kindes. Sie übt diese Kontrolle aus, weil sie ihr Kind in Sicherheit wissen will. Weil sie tief in sich gespeichert hat: Wenn die Leistung stimmt, dann bin ich etwas wert. Dann darf ich sein. Das gab ihr damals Sicherheit und dieses Muster setzt sie fort, überträgt es auf ihren Sohn, ohne es zu wollen.

    Das ist so menschlich. So nachvollziehbar.

    Wir sagen dazu: „Normale“ Erfahrungen – „normales“ Verhalten. Und trotzdem zeigen sich heute die tiefen Auswirkungen – beim Sohn, bei der Mama, in der ganzen Energie zuhause.

    Was mich berührt: Beide suchen dasselbe. Mutter und Sohn sehnen sich nach Vertrauen, nach Leichtigkeit, nach innerer Sicherheit.

    Und hier liegt das Schöne – und das Kraftvolle: Wenn Mama es findet, findet es auch der Sohn. Weil er automatisch wiederholt, was sie lebt.

    Wenn ihre alten Erlebnisse nicht mehr als Wahrheit über ihr schweben, sondern als das, was sie wirklich sind – nämlich Erfahrungen. Erfahrungen, die sie zwar geprägt, aber heute nicht mehr definieren müssen – dann verändert sich etwas. Nicht nur in ihr. Auch in ihm.

    Das ist die Arbeit, die ich mit Mamas mache. Von innen heraus. Mit Herz, Klarheit und ohne Schuldzuweisungen.

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